Peter Gössel · Büro für Gestaltung

24.03.19

Die Kirche am Ende des Universums

Besucher vor der Basilika
Der katalanische Architekt Antoni Gaudí war seine ganzes Arbeitsleben auf der Suche nach einer Architektur, die das Spirituelle mit dem Funktionalen auf eine gültige Weise verband. Auf diesem Weg musste er sich zwei Erkenntnisse zugestanden haben: Dass nämlich mit einer Zeichnung die eigentliche Gestaltungsarbeit noch lange nicht beendet war und dass der Schlüssel für ein erfolgreiches Werk nicht in den dekorativen Aspekten der Fassaden- und Innenraumgestaltung lag, sondern in den raumbildenden Strukturen. Daraus ergab sich, das er zum Einen auch während des Baus noch ständig Änderungen an seiner Planung wünschte und viele, auch entscheidende Korrekturen vornahm, nachdem er die Wirkung vor Ort und im originalen Maßstab überprüfte. Auch der Versuch, mit aufwendigem Modellbau vorab Sicherheit zu gewinnen, hielt Gaudí nie von überraschenden Kurswechseln ab. Auf der anderen Seite vertraute er auf die gestalterische Mitarbeit von Künstlern, Kunsthandwerkern und mitarbeitenden Architekten wie zum Besipiel Josep Maria Jujol, denen er gerne weitreichende Autonomie in ihren Beiträgen zustand, sich aber die letzte Prüfung immer vorbehielt. Vor diesem Hintergrund ist es so gut wie unmöglich, sich vorzustellen, zu welchen Ergebnissen Gaudí selbst gekommen wäre, hätte er die berühmte Kathedrale in Barcelona, die Sagrada Familia fertig bauen können, denn das dialektische, wenn nicht unberechenbare Moment in seiner Arbeit war gerade wegen seines religiösen Empfindens zum Wesen seines Werks geworden.
Schon 1965 haben daher so gut wie alle namhaften Architekten Spaniens und auch des restlichen Europas in einem offenen Brief die Sinnhaftigkeit des Weiterbaus an der Kathedrale energisch in Zweifel gezogen, denn weder aus der Blickweise der städtischen Gemeinschaft noch aus der der kirchlichen Verkündigung und schon gar nicht im Hinblick auf die Integrität von Gaudís Werk gesehen liesse sich ein Weiterbau rechtfertigen.
Mit dem zunehmenden öffentlichen Interesse an dem Werk Gaudís und den Restaurierungsmaßnahmen an den berühmten Werken ab den neunziger Jahren wurde das Problem nicht kleiner. Eine weiteres Manifest einflußreicher Personen aus dem Kulturleben bemerkte 2008, dass an so gut wie allen Hauptwerken Gaudís die inzwischen stattfindenden Restaurierungen und die touristische Nutzung bedenkliche Schäden anrichteten. Zur Sagrada Familia hieß es dort recht kritisch: "Heute wissen weder wir, noch weiß sonst jemand, wo die Arbeit des Autors beginnt und endet. Auffallend ist die Mittelmäßigkeit der Projektträger und Ingenieure, die im besten Fall in gutem Glauben handeln, sich aber doch in einer nicht zeitgemäßen Weise die Deutung von Gaudís Werk anmaßen. Gaudí wird zur Präsentation ihrer Arbeit und zum Nachteil des originalen, prächtig unvollendeten Werkes verwendet."
Wie Oscar Tusquets Blanca konstatierte, ist nicht nur die Architektur ein Problem, sondern die grundsätzliche Idee Gaudís, die Fassaden der Kirche als Bilderzählungen mittels Skulpturen zu gestalten. Schon die Arbeiten Subirachs an der Passionsfassade wirken gegenüber Gaudís Geburtsfassade trotz oder auch wegen des Bemühens um eine modernere Interpretation schwach und auf der zentralen Ruhmesfassade sei das Scheitern am Ende quasi vorprogrammiert. Manuel Borja-Villel, der einflussreiche Direktor von Madrids Reina Sofia Art Museum, meinte dazu: „Was sie da bauen, hat wenig mit dem zu tun, was Gaudí dachte. Es geht nun eher darum, eine touristische Attraktion und ein Werbemittel zu schaffen." ("What they are constructing has little to do with the spirit of Gaudí. It has more to do with building a tourist attraction and for propaganda purposes.") Wer die Kirche heute, 2019, besucht, wird erschrecken, wie die Baustelle der Kathedrale – und daneben auch jedes andere Werk Gaudís – Ziel eines fließbandartigen Umschlags tausender Touristen geworden ist. Vielen Besuchern scheint jede bunte Wand unter dem Markennamen 'Gaudí' als Hintergrund für ein kurzlebiges Selfie recht. Von den eigentlichen Zielen, die Gaudí und die Initiatoren der Sagrada Familie verfolgt haben, ist wahrhaft kaum etwas übrig geblieben. Es ist wohl die Ironie der Geschichte, dass diejenigen, die sich durchaus mit guten Absichten auf der Suche nach Gaudis spiritueller Botschaft in seinen Werken wähnen mögen, diese eben gerade durch ihre massenhafte Anwesenheit zerstören. Aus einer Kathedrale, die die Einheit einer Stadtgemeinschaft in christlicher Kontemplation vereinen sollte, ist heute ein Spaltpilz der Stadt gewachsen, die den 'overtourism' nicht mehr erträgt, eine wirklich tragische Verkehrung der Gedanken der Gründer.
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